Vendel to Viking

Vendel to Viking

Übersicht

Bevor die Wikinger ihre berühmten Langschiffe über die Meere schickten, bevor aus Skandinavien eine politische und wirtschaftliche Großmacht wurde und bevor irgendwo jemand auf die Idee kam, dass ein Helm mit Hörnern eine gute militärische Ausstattung wäre, gab es die Vendelzeit.

Genau hier setzt Vendel to Viking von Jon Manker an.

Das Spiel führt uns in die Zeit zwischen ungefähr 550 und 800 n. Chr. und damit in eine Epoche, die deutlich weniger bekannt ist als das anschließende Wikingerzeitalter. Dabei ist gerade diese Zeit für die Entwicklung der nordischen Gesellschaften von großer Bedeutung.

In Vendel to Viking übernehmen die Spieler nicht die Rolle einzelner Wikingerhelden, sondern führen eine Familie über mehrere Generationen. Ziel ist es, aus einer zunächst eher unbedeutenden Familie einen einflussreichen Clan zu entwickeln.

Dabei werden Familienmitglieder auf der Karte eingesetzt, Handels- und Unternehmungswege aufgebaut und bedeutende Persönlichkeiten in die eigene Familiengeschichte aufgenommen.

Das Spiel verbindet dabei mehrere bekannte Elemente:

  • Tableau Building
  • Open Drafting
  • Area Majority / Influence
  • Worker Placement
  • Engine Building
  • gemeinsame Technologiebäume
  • Generationen- und Dynastieentwicklung
  • historische Simulation

Das Interessante dabei: Jede Runde repräsentiert eine neue Generation.

Die Familie wächst, Mitglieder sterben beziehungsweise wechseln ihre Rolle und bedeutende Persönlichkeiten werden Teil der eigenen Familiengeschichte.

Das sorgt für einen schönen thematischen Kniff: Man baut nicht einfach einen Punktestand auf – man baut eine Dynastie.

Thema: Legendäre Heldentaten in der Vorzeit der Wikinger!
Spieler: 1 – 6 Spieler
Spielzeit: 60 – 150 Minuten
Designer: Jon Manker
Künstler: Madeleine Fjäll
Verlag: Ion Game Design

Spielmechaniken im Überblick

Eine Partie – mehrere Generationen

Der vielleicht wichtigste Unterschied zu Pax Viking steckt bereits im Grundkonzept.

In Vendel to Viking stellt ein Zug eine Generation dar.

Die eigene Familie entwickelt sich also nicht innerhalb einer einzelnen Lebensspanne, sondern über einen wesentlich größeren historischen Zeitraum.

Das sorgt automatisch für eine andere strategische Denkweise.

Man muss nicht nur überlegen:

„Was bringt mir jetzt etwas?“

Sondern auch:

„Was hinterlasse ich meiner nächsten Generation?“

Und genau hier beginnt Vendel to Viking interessant zu werden.


Die eigene Familie

Jeder Spieler führt eine Familie einer nordischen Kultur.

Die Familienmitglieder werden auf dem Spielplan eingesetzt und ermöglichen dort unterschiedliche Aktionen.

Sie können beispielsweise genutzt werden, um bestimmte Effekte an Orten zu aktivieren oder Zugang zu verschiedenen Möglichkeiten zu erhalten.

Ein Familienmitglied kann sich im Laufe des Spiels weiterentwickeln und schließlich zu einer bedeutenden Persönlichkeit aufsteigen.

Damit beginnt die eigentliche Familiengeschichte.


Bedeutende Persönlichkeiten

Eine der zentralen Mechaniken ist der Markt für Formidable Persons, also bedeutende Persönlichkeiten.

Wenn ein Familienmitglied einen entsprechenden Status erreicht, wird es mit einer Charakterkarte aus dem gemeinsamen Markt verbunden.

Diese Karte wandert anschließend in den Achievement Tree.

Damit wird die Persönlichkeit nicht einfach zu einer weiteren Karte im eigenen Tableau.

Sie wird Teil der eigenen Familiengeschichte.

Ihre Position im Achievement Tree und ihre Präsenz auf dem eigenen Familienboard beeinflussen wiederum die Möglichkeiten der Familie.

Das erzeugt eine schöne Verzahnung zwischen:

  • Karte
  • Familie
  • Persönlichkeiten
  • Errungenschaften
  • zukünftigen Aktionen

Der Achievement Tree

Der Achievement Tree bildet einen weiteren Kern des Spiels.

Hier entwickeln sich die Errungenschaften der eigenen Familie über verschiedene Stufen.

Das Ziel besteht nicht einfach darin, möglichst viele Karten zu sammeln.

Vielmehr müssen die Spieler ihre Familie gezielt weiterentwickeln und versuchen, bestimmte höhere Errungenschaften zu erreichen.

Dabei entsteht ein Wettrennen um die Entwicklung der eigenen Dynastie.

Die Siegbedingung ist entsprechend ungewöhnlich:

Wer zuerst zwei Errungenschaften der Future-Stufe besitzt, gewinnt die Partie.

Schafft es niemand innerhalb der vorgegebenen Zeit, entscheidet am Ende die Punktwertung.

Das sorgt dafür, dass die Spieler nicht einfach gemütlich vor sich hin entwickeln können.

Irgendwann muss aus dem Aufbau auch eine konkrete Perspektive auf den Sieg werden.


Entwicklung statt kurzfristiger Siegpunkte

Vendel to Viking unterscheidet sich dadurch deutlich von vielen klassischen Eurogames.

Natürlich sind Ressourcen und Einfluss wichtig.

Aber die langfristige Entwicklung der Familie steht stärker im Mittelpunkt.

Man investiert in Personen und Fähigkeiten, baut seine Position aus und versucht gleichzeitig, die eigene Entwicklung so zu timen, dass man bestimmte Meilensteine vor den Mitspielern erreicht.

Dabei entsteht ein interessantes Spannungsfeld:

Breit entwickeln oder gezielt auf bestimmte Errungenschaften hinarbeiten?

Wer zu breit aufgestellt ist, verliert möglicherweise wertvolle Zeit.

Wer sich zu stark auf eine einzige Entwicklung konzentriert, kann wichtige Chancen auf dem Spielplan oder im Markt verpassen.


Die gemeinsame Karte

Auch in Vendel to Viking spielt die Karte eine wichtige Rolle.

Die Familienmitglieder werden dort eingesetzt und ermöglichen Aktionen an verschiedenen Orten.

Damit entsteht eine Mischung aus Worker Placement und Area Control.

Gleichzeitig können Unternehmungen und Handelswege aufgebaut werden.

Die Karte ist deshalb nicht bloß Hintergrundkulisse.

Sie ist ein wichtiger Teil der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung der Familie.


Markt und Drafting

Der gemeinsame Markt für bedeutende Persönlichkeiten bringt eine weitere Ebene der Interaktion ins Spiel.

Die Spieler müssen beobachten, welche Personen verfügbar sind und welche davon zur eigenen langfristigen Strategie passen.

Dabei reicht es nicht aus, einfach die vermeintlich stärkste Karte zu nehmen.

Eine Persönlichkeit kann besonders mächtig sein, aber vielleicht nicht optimal zur eigenen Familienentwicklung passen.

Und natürlich gilt wie so oft:

Was man selbst dringend braucht, finden die Mitspieler plötzlich ebenfalls ausgesprochen interessant.

Der gemeinsame Markt sorgt dadurch für einen stetigen Konkurrenzdruck.


Vendel to Viking und Pax Viking

Hier wird das Spiel besonders interessant.

Vendel to Viking kann vollständig eigenständig gespielt werden.

Gleichzeitig wurde es bewusst so entwickelt, dass es mit Pax Viking verbunden werden kann. Die Endposition einer Partie Vendel to Viking kann in die Ausgangssituation einer anschließenden Partie Pax Viking übertragen werden.

Damit entsteht eine Art historische Kampagne.

Man beginnt in der Vendelzeit und entwickelt seine Familie über Generationen.

Anschließend geht es in Pax Viking in das 10. Jahrhundert weiter.

Die Entscheidungen des ersten Spiels können dabei Auswirkungen auf den Start der anschließenden Pax-Viking-Partie haben.

Das ist thematisch ausgesprochen reizvoll.

Denn plötzlich wird aus zwei eigenständigen Spielen eine gemeinsame historische Entwicklung.


Die Kampagne

Die Übergangsregeln zwischen beiden Spielen wurden während der Entwicklung mehrfach getestet und angepasst. ION beschreibt ausdrücklich, dass die Transition zwischen Vendel to Viking und Pax Viking ein wichtiger Bestandteil des Designs war.

Dabei werden unter anderem Errungenschaften aus Vendel to Viking in die folgende Pax-Viking-Partie übertragen.

Auch die Sitzreihenfolge und bestimmte Elemente des Spielaufbaus können vom Ergebnis des ersten Spiels beeinflusst werden.

Damit entsteht etwas, das man bei Brettspielen nicht allzu häufig sieht:

Eine echte historische Verbindung zwischen zwei unterschiedlichen Spielen.


Solo-Modus

Auch für Solospieler wurde ein umfangreicher Modus entwickelt.

Jon Manker verfolgt dabei bewusst den Ansatz, dass der Solo-Modus nicht einfach nur eine Mehrspielerpartie mit einem simplen Automa-System simulieren soll.

Stattdessen wurde ein eigenes System entwickelt, das die Mehrspielerpartie möglichst sinnvoll abbilden soll und gleichzeitig auch als Grundlage für kooperative Varianten dienen kann.

Damit ist Vendel to Viking nicht ausschließlich auf den klassischen Mehrspielertisch angewiesen.


Thema und historische Einordnung

Was mir an Vendel to Viking besonders gefällt, ist die Wahl des Zeitraums.

Die Wikingerzeit ist in der Brettspielwelt inzwischen fast ein eigenes Genre.

Die Vendelzeit dagegen wird wesentlich seltener thematisiert.

Jon Manker begründet die Wahl dieser Epoche unter anderem damit, dass sie vergleichsweise wenig bekannt ist, gleichzeitig aber eine wichtige Grundlage für die spätere Wikingerzeit und die Entwicklung der nordischen Kultur bildet.

Das Spiel versucht damit nicht einfach, Pax Viking rückwärts zu kopieren.

Es erzählt vielmehr die Vorgeschichte. größte Stärke ausspielt. Der eigentliche Reiz von Pax Viking entsteht meiner Meinung nach vor allem durch das Beobachten der Mitspieler und den Kampf um Einfluss.

Bestandteile

Der Spielumfang von Vendel to Viking ist deutlich umfangreicher als bei einem kleinen Promo-Set für Pax Viking.

Zum Material gehören unter anderem:

  • Spielplan
  • Achievement Board
  • Markt für bedeutende Persönlichkeiten
  • Familienboards
  • Familienmitglieder
  • Langschiffe
  • Venture Tiles
  • Karten bedeutender Persönlichkeiten
  • Achievement-Marker
  • Heimatmarker
  • Rundenmarker
  • First-Player-Marker
  • Silfr
  • Gull
  • verschiedene weitere Marker und Plättchen

ION Game Design nennt außerdem zusätzliches Material, das die Verbindung zu Pax Viking ermöglicht, darunter neue Jarlboards und ein Map Overlay.

Die Illustrationen stammen erneut von Madeleine Fjäll, die bereits Pax Viking visuell geprägt hat. Für Vendel to Viking wurden die historischen und künstlerischen Elemente entsprechend stärker auf die Vendelzeit angepasst.piels. Pax Viking versucht nicht, die Wikingerzeit als reines Fantasy-Abenteuer darzustellen. Stattdessen steht die historische Entwicklung und die Vernetzung der verschiedenen Machtzentren im Vordergrund.

Inhalt

  • Regelbuch
  • Spielhilfen (Regelübersicht für diejenigen, die das Spiel schon kennen)
  • Spielbretter / Ablagen
  • Kartenbrett
    • Erfolgsbrett
    • „Formidable Market“-Brett
  • Ausstechteile
    • Silfr
    • Gull
    • Erfolgsfiguren
    • Heimatmarker
    • Startspieler-Marker
    • Rundenmarker
    • Familienmitglied-Spielsteine
  • Karten
    • Abenteuer-Kacheln
    • „Formidable“-Personenkarten
  • Holzkomponenten
    • Langschiffe
  • Bonus-Inhalte
    • Neue Jarl-Bretter für „Pax Viking“
    • Kartenüberlagerung für „Pax Viking“
    • Neue „Pax Viking“-Kacheln

Viking Universum

Erweiterungen

SCORE OUT OF 10

8

VERDICT & FINAL NOTE


Vendel to Viking ist eine interessante Weiterentwicklung der Ideen aus Pax Viking.

Dabei handelt es sich ausdrücklich nicht nur um eine Erweiterung, sondern um ein eigenständiges Spiel mit eigenen Mechanismen.

Der große thematische Unterschied ist schnell erklärt:
Bei Pax Viking übernehmen wir die Rolle eines Jarls.
Bei Vendel to Viking führen wir eine Familie über Generationen.

Dadurch verschiebt sich der Schwerpunkt.
– Es geht stärker um:
– Familienentwicklung
– langfristigen Aufbau
– bedeutende Persönlichkeiten
– Errungenschaften
– Generationen
– Einfluss
– langfristige Planung

Das Spiel wirkt dadurch etwas stärker wie eine historische Dynastie-Simulation.

Besonders gelungen ist die Möglichkeit, Vendel to Viking und Pax Viking miteinander zu verbinden.

Wer beide Spiele besitzt, kann eine historische Entwicklung vom Ende der Vendelzeit bis in das Wikingerzeitalter erleben.

Abschließende Bemerkung

Vendel to Viking gefällt mir vor allem wegen seines Konzepts.
Statt einfach „noch mehr Wikinger“ zu liefern, geht Jon Manker einen Schritt zurück und fragt:

Wie ist diese Welt eigentlich entstanden?

Das funktioniert thematisch ausgesprochen gut.

Die Idee, eine Familie über Generationen zu führen, passt hervorragend zur historischen Entwicklung. Die bedeutenden Persönlichkeiten werden dadurch nicht nur zu Karten mit einem Bonus, sondern zu Bausteinen einer eigenen Familiengeschichte.

Auch die Verbindung zu Pax Viking ist für mich ein echtes Highlight.
Wer beide Spiele besitzt, kann zunächst die Entwicklung seiner Familie in Vendel to Viking verfolgen und anschließend mit Pax Viking dort weitermachen, wo die Geschichte aufgehört hat.

Das ist deutlich interessanter als eine einfache „Erweiterung 1.5“.
Allerdings richtet sich das Spiel klar an Spieler, die Spaß an komplexeren historischen Strategiespielen haben. Wer ein schnelles und unkompliziertes Wikinger-Spiel sucht, wird vermutlich mit der Menge an Entscheidungen zunächst ordentlich beschäftigt sein.

Wer dagegen Pax Viking mag und sich für historische Entwicklung, Dynastien und langfristige Strategien interessiert, bekommt hier ein sehr interessantes eigenständiges Spiel.

PROS


  • Eigenständiges Prequel zu Pax Viking
  • Ungewöhnliches Thema rund um die Vendelzeit
  • Familienentwicklung über mehrere Generationen
  • Interessante Dynastie-Mechanik
  • Bedeutende Persönlichkeiten als zentraler Bestandteil
  • Achievement Tree sorgt für langfristige Ziele
  • Gemeinsamer Markt erzeugt Interaktion
  • Kombination aus Worker Placement, Tableau Building und Area Influence
  • Umfangreicher Solo-Modus
  • Kampagnenverbindung mit Pax Viking
  • Historisch interessante Epoche, die selten in Brettspielen behandelt wird

CONS


  • Deutlich komplexer als ein typisches Familienspiel
  • Viele Mechanismen müssen zunächst verstanden werden
  • Langfristige Planung kann Einsteiger überfordern
  • Die Kampagnenfunktion entfaltet ihren größten Reiz erst mit beiden Spielen
  • Nicht unbedingt für Spieler geeignet, die ein schnelles Wikinger-Abenteuer erwarten

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