Übersicht
Wikinger sind im Brettspiel längst keine Seltenheit mehr. Meist geht es um Raubzüge, Äxte, Plünderungen und möglichst spektakuläre Schlachten. Pax Viking von Jon Manker schlägt einen etwas anderen Weg ein. Hier geht es nicht primär darum, wer die meisten Dörfer niederbrennt, sondern um Handel, Einfluss, Diplomatie, Erkundung und den Aufbau eines eigenen Machtgefüges.
Das Spiel führt uns in das 10. Jahrhundert und damit in eine Zeit, in der die skandinavische Welt im Umbruch war. Wikinger zogen nicht nur auf Beutezüge, sondern etablierten Handelsrouten, gründeten Siedlungen, knüpften Bündnisse und bauten ihren Einfluss weit über Skandinavien hinaus aus.
In Pax Viking übernehmen die Spieler die Rolle eines historischen Jarls beziehungsweise einer bedeutenden Persönlichkeit und versuchen, genügend Einfluss zu sammeln, um am Ende zum ersten König Schwedens aufzusteigen.
Dabei verbindet Jon Manker Elemente aus Area Control, Kartenspiel, Engine Building, Einflussmanagement, Handel und asymmetrischen Spielerfähigkeiten. Das Ganze ist deutlich stärker auf historische Entwicklung und politische Einflussnahme ausgelegt, als es das Wikinger-Thema zunächst vermuten lässt.
Und genau hier liegt eine der großen Stärken des Spiels: Wer bei „Wikinger“ automatisch an brennende Klöster denkt, bekommt stattdessen erst einmal eine Handelsroute präsentiert. Auch eine Art Raubzug – nur mit deutlich mehr Verwaltungsaufwand.
Thema: Historisches Strategiespiel rund um Handel und Diplomatie im 10. Jahrhundert
Spieler: 1 – 6 Spieler
Spielzeit: 60 – 90 Minuten
Designer: Jon Manker
Künstler: Madeleine Fjäll
Verlag: Ion Game Design

Spielmechaniken im Überblick
Der erste Kontakt mit Pax Viking kann durchaus etwas überwältigend sein. Das liegt weniger daran, dass jede einzelne Aktion besonders kompliziert wäre, sondern vielmehr daran, dass das Spiel seine eigene Sprache und Denkweise besitzt.
Wer bereits andere Spiele der Pax-Reihe kennt, dürfte sich etwas schneller zurechtfinden. Für alle anderen gilt: Erst einmal tief durchatmen, das Jarlboard anschauen und nicht versuchen, in der ersten Runde bereits König von Schweden zu werden.
Vier Aktionen pro Zug
Grundsätzlich stehen einem Spieler in seinem Zug vier Aktionen zur Verfügung.
Diese Aktionen können genutzt werden, um beispielsweise:
- Karten zu erwerben,
- mit Langschiffen zu reisen,
- neue Gebiete und Handelsstützpunkte zu erschließen,
- Karten auszuspielen,
- Einfluss aufzubauen,
- bestehende Positionen zu übernehmen,
- Handel und andere Vorteile zu nutzen.
Nicht verwendete Aktionen können dabei nicht einfach für die nächste Runde aufgehoben werden. Wer also vier Aktionen zur Verfügung hat, sollte sich überlegen, wie er diese möglichst sinnvoll miteinander kombiniert.
Das klingt zunächst simpel – und ist es auf der reinen Regelebene auch. Die Schwierigkeit entsteht vielmehr aus den zahlreichen Wechselwirkungen.
Langschiffe und die große Karte
Ein wichtiger Bestandteil des Spiels sind die Langschiffe.
Sie ermöglichen es den Spielern, sich über die Karte zu bewegen und neue Regionen zu erreichen. Dadurch können Karten an bestimmten Orten eingesetzt, Handelsmöglichkeiten erschlossen oder neue Machtbasen aufgebaut werden.
Die Karte ist damit nicht einfach nur eine hübsche Wikingerlandschaft, sondern ein zentraler Bestandteil der Strategie.
Wer sich zu weit ausbreitet, kann schnell feststellen, dass die eigene Position schwer zu halten ist. Wer dagegen zu vorsichtig agiert, überlässt wichtige Regionen möglicherweise den Mitspielern.
Genau diese Spannung zwischen Expansion, Einfluss und Absicherung macht einen großen Teil des Spiels aus.

Karten kaufen und einsetzen
Das Kartensystem ist eines der interessantesten Elemente von Pax Viking.
Die Karten liegen in einem gemeinsamen Markt aus. Spieler investieren Ressourcen, um interessante Karten zu erwerben und anschließend für ihre eigene Strategie einzusetzen.
Dabei können Karten unterschiedliche Funktionen übernehmen.
Sie können beispielsweise:
- als Ereignis ausgespielt werden,
- auf der Karte eingesetzt werden,
- als Verbündete dienen,
- das eigene Jarlboard verbessern,
- dauerhafte Fähigkeiten freischalten,
- Einfluss und Follower generieren.
Dadurch entsteht eine Art persönliches Entwicklungs- und Machtgefüge.
Eine Karte ist also nicht einfach nur „eine Karte mit einem Effekt“. Vielmehr muss man überlegen, wo und wann sie eingesetzt werden soll.
Follower und Einfluss
Ein weiteres wichtiges Element sind die verschiedenen Follower.
Sie repräsentieren unterschiedliche gesellschaftliche und politische Einflussbereiche. Wer in einer bestimmten Kategorie besonders viele Anhänger besitzt, kann sich dadurch Vorteile sichern.
Das führt zu einem interessanten Mehrheitsmechanismus.
Die Spieler beobachten ständig, wer gerade in welchem Bereich die Nase vorn hat. Dadurch entsteht ein permanenter Wettlauf um Einfluss.
Und genau hier wird Pax Viking deutlich interaktiver, als es die zunächst eher friedliche Mischung aus Handel und Entwicklung vermuten lässt.
Denn natürlich möchte man selbst möglichst viel Einfluss besitzen.
Noch wichtiger ist allerdings manchmal, dafür zu sorgen, dass der andere Spieler nicht zu viel davon bekommt.
Diplomatie statt Dauerkrieg
Obwohl Pax Viking im Zeitalter der Wikinger spielt, ist Krieg nicht der einzige Weg zum Erfolg.
Handel, Bündnisse, politische Einflussnahme und die Kontrolle wichtiger Regionen können ebenso entscheidend sein.
Das macht das Spiel angenehm abwechslungsreich.
Man kann sich beispielsweise stärker auf Handelsrouten konzentrieren, andere Regionen erkunden oder versuchen, über bestimmte Gruppen genügend Einfluss aufzubauen.
Dadurch entstehen unterschiedliche Spielweisen.
Die offizielle Beschreibung betont entsprechend verschiedene strategische Entwicklungswege, darunter etwa Erkundung, Handel oder militärisch geprägte Machtstrategien.

Siegbedingungen
Eine weitere Besonderheit von Pax Viking sind die variablen Siegbedingungen.
Es gibt nicht einfach eine klassische Siegpunktleiste, auf der am Ende derjenige gewinnt, der die meisten Punkte gesammelt hat.
Stattdessen werden Siegbedingungen ins Spiel gebracht, die unterschiedliche Ziele vorgeben.
Wer eine der Bedingungen erfüllt, kann den Sieg erreichen.
Dadurch verändert sich auch die strategische Ausrichtung von Partie zu Partie.
In einer Partie kann es beispielsweise entscheidend sein, möglichst viele Anhänger einer bestimmten Gruppe zu sammeln. In einer anderen Situation kann eine völlig andere Entwicklung wichtiger sein.
Das sorgt für eine hohe Wiederspielbarkeit, denn man kann nicht einfach jedes Spiel nach demselben Rezept herunterspielen.

Ereignisse und Saga
Die Saga ist ein weiterer wichtiger Bestandteil des Spiels.
Über die Saga gelangen neue Karten und Entwicklungen ins Spiel. Ereignisse können dabei die Situation auf der Karte verändern und gleichzeitig den Zeitpunkt beeinflussen, an dem Siegbedingungen überprüft werden.
Das sorgt für eine angenehme Dynamik.
Man kann sich nämlich nicht einfach gemütlich zehn Runden lang eine perfekte Strategie zusammenbauen. Irgendwann kommt der Moment, an dem jemand seine Karten auf den Tisch legt und sagt:
„Übrigens: Ich glaube, ich gewinne.“
Und plötzlich interessieren sich auch die anderen Spieler sehr dafür, was dieser Wikinger da eigentlich die letzten drei Runden getrieben hat.
Asymmetrische Charaktere
Die Spieler übernehmen unterschiedliche historische Persönlichkeiten.
Diese besitzen individuelle Fähigkeiten und Ausgangsbedingungen und verleihen den einzelnen Partien dadurch eine eigene Richtung.
Das passt hervorragend zum historischen Ansatz des Spiels.
Man beginnt nicht mit einer völlig neutralen Spielfigur, sondern mit einer bestimmten Ausgangslage und versucht anschließend, daraus eine eigene Machtbasis zu entwickeln.
Damit entsteht eine gewisse Asymmetrie, ohne dass jeder Spieler ein komplett eigenes Spielsystem bedienen muss.

Solo-Modus
Pax Viking kann auch alleine gespielt werden.
Das ist insbesondere interessant, weil das Spiel durch seine unterschiedlichen Siegbedingungen und die große Zahl an Kartenkombinationen auch im Solospiel einen gewissen Wiederspielwert besitzt.
Allerdings ist der Solo-Modus nicht unbedingt der Bereich, in dem das Spiel seine größte Stärke ausspielt. Der eigentliche Reiz von Pax Viking entsteht meiner Meinung nach vor allem durch das Beobachten der Mitspieler und den Kampf um Einfluss.
Bestandteile
Das Spielbrett bildet einen großen Teil der skandinavischen und osteuropäischen Welt ab. Besonders wichtig sind dabei die Handels- und Einflussräume, die von Skandinavien über die Rus bis in weitere Regionen reichen.
Zum Spielmaterial gehören unter anderem:
- Spielplan
- Jarlboards für die Spieler
- Langschiffe
- Einflussmärkte
- Follower-Marker
- Trade-Center-Marker
- Saga-Karten beziehungsweise Plättchen
- Victory-Condition-Karten
- Karten für Charaktere, Verbündete, Götter und weitere Elemente
- verschiedene Marker und Spielsteine
Das Kartenmaterial ist dabei das Herzstück von Pax Viking. Die Spieler erwerben Karten aus einem gemeinsamen Markt und können diese anschließend auf unterschiedliche Weise einsetzen.
Die Karten können beispielsweise auf dem eigenen Jarlboard landen, auf der Karte ausgespielt werden oder als Ereignis genutzt werden. Dadurch entstehen immer wieder neue Kombinationen und unterschiedliche strategische Möglichkeiten.
Eine Besonderheit ist außerdem die Gestaltung des Spiels. Pax Viking versucht nicht, die Wikingerzeit als reines Fantasy-Abenteuer darzustellen. Stattdessen steht die historische Entwicklung und die Vernetzung der verschiedenen Machtzentren im Vordergrund.
Inhalt
- Spielbrett
- Langschiffe
- Einflussmärkte
- Siegbedingungen-Karten
- Saga-Karten
- Handelszentrum-Marker
- Anhänger-Marker
Viking Universum
Erweiterungen
Das zweite Promo-Paket für „Pax Viking“ knüpft an den Erfolg des ersten Promo-Pakets an. Mit dabei sind 6 Gastdesigner, die jeweils Ideen für 2 Spielplättchen, 1 Regelplättchen und 1 Saga-Plättchen beisteuern.
Mehr sehenMit Pax Viking: Promo Pack 1 bekommt das historische Strategiespiel von Jon Manker ein kleines, aber durchaus interessantes Zusatzpaket. Statt großer neuer Spielbretter oder eines riesigen Stapels Karten bringt die Promo-Erweiterung zehn neue Plättchen ins Spiel: 5 Rule Tiles und 5 Saga Tiles. Damit lässt sich vor allem die Variabilität des Grundspiels erhöhen.
Mehr sehenSCORE OUT OF 10
8
VERDICT & FINAL NOTE
Pax Viking ist ein ungewöhnliches Wikinger-Spiel.
Wer ein klassisches Wikinger-Brettspiel erwartet, bei dem man mit einer Axt in der Hand über die Karte läuft und regelmäßig irgendwelche Siedlungen plündert, könnte zunächst überrascht sein.
Hier geht es vielmehr um:
– Handel
– Einfluss
– Diplomatie
– Gebietskontrolle
– Erkundung
– Kartenmanagement
– asymmetrische Fähigkeiten
– und den Aufbau einer eigenen Machtbasis.
Das Spiel verbindet diese Elemente zu einem anspruchsvollen historischen Strategiespiel.
Besonders gelungen ist dabei die Verzahnung von Karten und Karte. Die Karten bestimmen nicht nur den Aufbau des eigenen Spiels, sondern haben direkte Auswirkungen auf die Positionen auf dem Spielplan.
Auch die variablen Siegbedingungen gefallen mir gut. Dadurch bleibt die Partie offen und die Spieler müssen nicht nur den eigenen Aufbau beobachten, sondern auch ständig überlegen, was die Mitspieler möglicherweise gerade vorbereiten.
Allerdings sollte man sich darauf einstellen, dass Pax Viking kein klassisches Gateway-Spiel ist. Die Regeln und Begriffe benötigen etwas Einarbeitungszeit. Gerade die erste Partie kann deshalb deutlich länger wirken als spätere Spiele.
Wer sich aber durch diese Einstiegshürde arbeitet, bekommt ein ungewöhnlich thematisches Strategiespiel mit vielen unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten.
Abschließende Bemerkung
Pax Viking gefällt mir vor allem deshalb, weil es das Wikinger-Thema nicht auf das übliche „Plündern, Kämpfen, Bier trinken“ reduziert.
Die historische Welt wird wesentlich breiter betrachtet. Handel, Migration, politische Beziehungen und der Aufbau von Macht spielen eine zentrale Rolle.
Das Spiel fühlt sich dadurch weniger wie ein Wikinger-Abenteuer und mehr wie der Versuch an, ein eigenes politisches und wirtschaftliches Netzwerk aufzubauen.
Besonders spannend finde ich die Tatsache, dass die Spieler ihre Pläne nie komplett isoliert verfolgen können. Die Aktionen der anderen verändern ständig die Situation auf der Karte.
Gleichzeitig bietet das Spiel genügend Freiheit, um unterschiedliche Strategien auszuprobieren.
Die größte Hürde ist für mich die Einstiegskomplexität. Pax Viking verlangt Aufmerksamkeit und etwas Geduld. Die erste Partie ist daher eher eine Lernreise als ein perfekt durchgeplanter Wikingerfeldzug.
Hat man die Mechanismen aber einmal verstanden, öffnet sich das Spiel deutlich.
Wer historische Strategiespiele, Karten-getriebene Systeme und Area Control mag, findet hier ein interessantes Spiel, das sich angenehm von vielen anderen Wikinger-Titeln unterscheidet.
PROS
- Interessantes und ungewöhnliches Wikinger-Thema
- Handel und Diplomatie stehen gleichberechtigt neben militärischer Macht
- Variable Siegbedingungen sorgen für Abwechslung
- Viele unterschiedliche Karten und Charaktere
- Asymmetrische Spielerfähigkeiten
- Starke Verzahnung von Karte und Kartenspiel
- Hohe Interaktion zwischen den Spielern
- Unterschiedliche strategische Wege zum Sieg
- Für 1–6 Spieler spielbar
- Historischer Hintergrund wird ernst genommen
CONS
- Einstieg zunächst relativ anspruchsvoll
- Viele Begriffe und Symbole wollen gelernt werden
- Erste Partie kann deutlich länger wirken
- Das Spiel ist nicht unbedingt für Gelegenheitsspieler geeignet
- Solo-Partie bietet nicht ganz denselben Reiz wie eine Mehrspielerpartie
- Wer ein klassisches Wikinger-Kampfspiel erwartet, könnte enttäuscht sein

